Montag, 20. März 2017

Es war einmal ein Märchen ...


Die Kräuterhexe


Auf einer Alm, umgeben von Bergen, Wiesen, Wäldern und Tieren, lebten vor gar nicht allzu langer Zeit zwei Kinder zusammen mit ihren Eltern in einem einfachen, aber schönem Holzhaus.

Der Vater war ein Holzfäller und die Mutter versorgte Haus und Hof, auch wenn das heutzutage altmodisch klingt.


Maxi, so hieß das Mädchen, war die ältere der beiden Geschwister und ein richtiger Wildfang. Ihr konnte es nicht abenteuerlich genug zugehen. Moritz dagegen war eher in sich gekehrt und ängstlich und fühlte sich nur mit seinem Hund Charlie sicher.


Eines Tages hieß die Mutter sie in den Wald zu gehen und Beeren zu sammeln für den süßen Brei, den es am Mittag zu essen geben sollte. Erst abends, wenn der Vater von seinem harten Tagewerk zurückkam, gab es etwas deftiges, meist Wildbret.


So machten sich die Kinder auf den Weg, wobei Moritz viel lieber an den kleinen Bergsee gegangen wäre, um seine flachen Kieselsteine, von denen er immer welche bei sich trug, über das Wasser springen zu lassen.


Charlie, der die Kinder immer begleitete, konnte nicht mit, denn er war mit der Vorderpfote in eine Falle geraten und humpelte nun vor sich hin

Die Mutter ermahnte die Geschwister wie immer, nicht zu weit zu gehen und auch nicht vom Weg abzukommen, aber Maxi flötete schon laut vor sich hin und hörte die Worte der Mutter nicht mehr. Dafür nahm Moritz die Warnung der Mutter sehr ernst und fühlte sich gar nicht wohl bei dem Gedanken, allein mit seiner Schwester und ohne seinen Hund in den Wald zu gehen.

Nachdem sie schon eine Weile unterwegs waren, kamen sie an eine Weggabelung, an der sie normalerweise immer den rechten Weg einschlugen, wenn sie zum Beeren sammeln losgingen. Der linke Weg war sehr schmal und sah auch nicht sehr einladend aus und auch die Sonne wollte diesen Pfad nicht recht erhellen. Maxi allerdings wollte dieses Mal unbedingt diesen Weg gehen und als Moritz zögerte rief sie ungeduldig „jetzt komm schon du Angsthase“ und zerrte den sich sträubenden Bruder am Ärmel mit sich.


Aber da finden wir bestimmt keine Beeren, so dunkel wie es hier ist", versuchte Moritz noch einmal, seine Schwester umzustimmen, aber es war umsonst. Wenn sich Maxi mal was in ihren hübschen Kopf gesetzt hatte, war sie kaum davon abzubringen.

Vorsichtshalber ließ Moritz heimlich immer mal einen Kieselstein fallen, für den Fall, dass sie sich verlaufen würden.

Nach einer Weile hörten sie eine weibliche Stimme rufen: „Hilfe, hallo, ist da jemand?“ Die Kinder eilten näher und entdeckten am Wegesrand eine alte Frau auf einem Baumstamm sitzen.

„Guten Tag“ sprach Maxi die alte Frau an, während sich Moritz hinter dem Rücken seiner Schwester zu verstecken suchte. „Was ist passiert? Kann ich dir helfen, dich irgendwo hinbringen? Wo wohnst du denn?“, sprudelte es nur so aus Maxi heraus.

„Ach Kindchen, das weiß ich leider grad gar nicht. Ich muss mich verlaufen haben", sprach die Frau aufgeregt und ihr Blick irrte suchend umher.

„Komm, wir helfen dir nach Hause zu finden, vielleicht erkennst du etwas, was dir weiterhilft“, versuchte Maxi sie zu beruhigen und half der alten Frau aufzustehen.

 „Du Maxi“, versuchte Moritz einzuwenden, „wir müssen auch heim, die Mutter wird sich schon sorgen und Beeren haben wir auch noch keine“. „Ach was“ widersprach Maxi, „wir können die alte Frau doch jetzt nicht allein zurücklassen. Du wirst sehen, wir haben das Häuschen bald gefunden und dann laufen wir einfach ein bisschen schneller zurück.“


„Und wenn nicht?“, versuchte es Moritz noch einmal. „Na dann nehmen wir sie einfach mit zu uns und jetzt sei still und veranstalte nicht ständig so ein Theater, wir müssen uns jetzt auf den Weg konzentrieren“. Damit war für Maxi das Gespräch beendet und Moritz fügte sich, wenn auch nur widerwillig. 


Während sie immer tiefer in den Wald kamen, versuchte Maxi mehr von der alten Frau zu erfahren. Moritz trotte in einigem Abstand hintendrein und pfiff leise vor sich hin, um seine Angst zu verjagen.


„An was kannst du dich denn erinnern?“ fragte Maxi die alte Frau.


„An Löwenzahn, den wollte ich einsammeln gehen“, gab ihr die Frau zur Antwort.


„Was willst du denn mit dem Löwenzahn machen?“ 


„Ich mache mir daraus einen Tee wegen….wegen….., ach Kindchen, in meinem Kopf ist ein heilloses Durcheinander, ich vergesse ganz oft die einfachsten Dinge“. 


Plötzlich tat sich vor ihren Augen eine Lichtung auf und sie standen vor einer Wiese mit reichlich Löwenzahn. Dahinter lugte hinter einer hohen Hecke der Giebel eines Daches hervor.


„Schau mal, wohnst du vielleicht dort?“ rief Maxi ganz aufgeregt.


Das Gesicht der alten Frau hellte sich auf und sie erkannte wieder ihre Umgebung. Zum Dank lud die alte Frau die Kinder zu einem Stück frisch gebackenem Blaubeerkuchen in ihr kleines Waldhaus ein.

Hmmmm, Blaubeerkuchen, das ließ Moritz` Herz höher schlagen.

Für ein paar Sekunden hatte er seine Ängste vergessen, doch als er dann über die Schwelle des Häuschen treten sollte, war ihm doch etwas mulmig zumute. Er kam sich ein bisschen vor wie im Märchen von Hänsel und Gretel und schaute sich um, ob nicht doch irgendwo ein Rabe krächzte und sich auf der Schulter der Frau niederließ, und sich bei dieser auf einmal eine Hakennase und eine große Warze zeigte.

Doch alles blieb still und friedlich.

„Kommt doch herein, ich heiße übrigens Fiona“

„Ich bin Maximiliane, aber alle rufen mich Maxi, und das ist mein Bruder Moritz“, stellte das Mädchen sie nun ihrerseits vor.

Die Stube war urgemütlich eingerichtet und ließ die Sonne zu jeder Tageszeit hinein. Die alte Frau hieß die Kinder am Tisch auf der Holzterrasse Platz zu nehmen,  zu der man im hinteren Teil der Stube nach draußen kam. Welch ein Anblick bot sich da den Kindern – ein riesiger Garten mit Kräuter- und Gemüsebeeten, von Brombeer-Johannisbeer- und Himbeerbüschen umzäunt. Eine Schüssel mit Erdbeeren stand auf dem Tisch und nicht nur der Blaubeerkuchen duftete köstlich. Es war wie in einer andern Welt.

Während Fiona den Kindern ein Stück Kuchen auf den Teller tat, erzählte sie der neugierigen Maxi, dass sie vor vielen Jahren ihren Mann verloren und keine Kinder hatte. Ihr Mann war Apotheker gewesen und sie hatte ihm immer bei den Zubereitungen von Tinkturen und Salben geholfen. Sie beschloss nach dem Tod ihres Mannes, in der Stadt alles aufzugeben, sich in die Einsamkeit der Wälder zurückzuziehen, um sich in der Natur dem Studium der Heilpflanzen zu widmen. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort fand sie diese Hütte, die früher wohl einmal eine Jagdhütte gewesen sei. Sie zeigte Maxi ihr Herbarium, das sie in sorgfältiger Kleinarbeit zusammengestellt hatte. Maxi konnte sich gar nicht sattsehen an den Pflanzen und vertiefte sich in die Aufzeichnungen dieser bemerkenswerten alten Frau. Maxi fragte sie, ob es ihr denn gut ginge, hier so ganz allein?

„Ich kann nicht klagen", antwortete Fiona ihr, ich habe hier mein seelisches Gleichgewicht und Zufriedenheit gefunden. Nur meine zunehmende Vergesslichkeit macht mir Sorgen. Ich vertraue aber darauf, dass es jemand gibt, der über mir wacht und alles sich so fügen wird, wie es gut für mich ist. Euch hat mir ja auch der Himmel geschickt“.

Moritz indessen döste gesättigt auf der Holzbank vor sich hin, doch als er seinen Namen rufen hörte, war er sofort hellwach und lief sogleich nach draußen. Vater und Mutter tauchten mit dem humpelnden Charlie an der Lichtung auf. Sie hatten sich natürlich große Sorgen gemacht und waren den Kieselsteinen gefolgt und auch Charlie`s guter Nase. Moritz winkte ihnen erleichtert zu. Für ihn waren solche Abenteuer einfach nichts, auch wenn es Blaubeerkuchen gab.


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Martha hielt in ihrem Aufsatz inne und schaute versonnen zum Fenster des Klassenzimmers hinaus. Ihre Großmutter Maximiliane hatte ihr diese Geschichte von sich und Fiona erzählt, die ihre Eltern später, als diese nicht mehr allein leben konnte, bei sich aufnahmen. Von ihr hatte sie das Herbarium geschenkt bekommen und hütete es gleich einem kostbaren Schatz.



Seither zeigte auch Martha großes Interesse an der Naturheilkunde und wollte selbst einmal Heilpraktikerin werden oder einfach nur eine „Kräuterhexe“, wie sie es manchmal ihren Freundinnen zu sagen pflegte.



Bild & Text (c) Wortwerkstatt

Kommentare:

  1. Ein tolles Märchen hast du geschrieben! - Ich komme gerade von meiner Nichte, die Heilpraktikerin ist und jetzt eine Ausbildung zur Ostheopatin macht. - Kräuter sind mir allemal lieber, als andere Medikamente :-)! LG Martina

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  2. Ich habe nicht das telent zum Märchenschreiben, vielleicht schlummert es noch. Du hast es wunderbar hinbekommen für märchenleser. von Kräutern halte ich viel, habe selber welche im Garten, aber nicht so viele Kenntnisse wie meine Nachbarin. Die kennt fast jedes Kraut und macht auch Salate daraus.
    Ein lieber Gruß in die Woche, Klärchen

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    1. das teufelchen schreibt immer mit "Talent"und noch so was.

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